10.01.2018

Tradition und Zukunft verbinden

Handwerk gibt es seit den Anfängen der zivilisierten Menschheit und auch in der neuen digitalisierten Welt wird es seinen Platz haben. Davon zeigte sich Kreishandwerksmeister Gerd Benzmüller beim Jahresempfang der Kreishandwerkerschaft (KHS) Trier-Saarburg überzeugt. „Das Handwerk hat in der Vergangenheit immer wieder bewiesen, dass es Tradition mit Erneuerung, neuen Technologien, Methoden und Kenntnissen verbinden kann“, sagte er in seiner Jahresbilanz. Die aktuell sehr gute Auftragslage dürfe aber nicht den Blick auf die Herausforderungen verschließen.

Zu diesen zählt beispielsweise das Thema Schwarzarbeit. Im Kampf dagegen hat die KHS Trier-Saarburg zurzeit ein neues Modell aufgegriffen, das im Raum Regensburg bereits erfolgreich läuft. KHS-Geschäftsführerin Bärbel Schädlich stellte es in ihrem Jahresbericht kurz vor. Auch die Baugewerks-Innung Regensburg ärgerte sich über Mitbewerber, die nicht bei der Sozialkasse der Bauwirtschaft (SOKA Bau) gemeldet sind. „Die Innung Regensburg wurde aktiv und hat Firmen, die mit Arbeiten werben, die sie laut Handwerksordnung nicht ausüben dürfen zum einen durch die Handwerkskammer (Handwerksrolleneintragung) zum anderen durch die SOKA Bau auf Beitragspflicht prüfen lassen“, berichtete Schädlich. Bestätigt sich ein entsprechender Anfangsverdacht werden die Betriebe durch die Innung abgemahnt und aufgefordert eine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen. Eine Abmahngebühr von 250 Euro wird in Rechnung gestellt.

Seit dem Projektstart 2012 gab es 391 solcher Abmahnverfahren, 267 verliefen erfolgreich. In der Folge wurden 193 Betriebe neu bei der SoKa Bau erfasst. „Wir fanden dieses Modell so interessant, dass wie Anfang des Jahres die Kollegen aus Regensburg nach Trier zu einer Infoveranstaltung eingeladen haben“, erzählte die KHS-Geschäftsführerin. Es wurde anschließend eins zu eins für die Innungen im Raum Trier– Saarburg und der KHS MEHR übernommen. Die gemeinsame Probephase mit der KHS MEHR läuft seit 1. September 2017, eine junge Juristin wurde eigens zur Unterstützung engagiert. Gleichzeitig sind alle zur Mitwirkung aufgefordert. Wer dubiose Firmen beobachtet und entsprechende Anzeigen, Internetauftritte, Geschäftspapiere  oder Fahrzeugbeschriftungen entdecke, sollte dies per Foto dokumentieren und der KHS zur Verfügung stellen. Man werde dann die Handwerksrolleneinträge prüfen und gegebenenfalls Material an die SoKa Bau weiterleiten.

 
Die Mitgliederentwicklung bei der KHS ist weiterhin leicht rückläufig, zwei Prozent gehen jedes Jahr an Kunden  verloren. Im laufenden Jahr sieht es - Stand Anfang November - etwas besser aus: 19 Kündigungen standen 20 Neuzugänge und  fünf Gewerbeanmeldungen gegenüber. Die Bemühungen bei Akquise und Öffentlichkeitsarbeit wolle man weiter verstärken und die individuellen Vorteile einer Innungsmitgliedschaft deutlich herausstellen.


Wie sehr sich die Welt in den kommenden Jahren verändern dürfte, führte Prof. Wolfgang Henseler von der Hochschule Pforzheim in seinem Gastvortrag zur Digitalisierung vor Augen. „Es wird nicht mehr vom Produkt her gedacht, sondern immer direkt vom Nutzen für den Kunden her“,  erklärte der Experte für Produktgestaltung und Digitale Medien den grundlegenden Wandel.
Die bereits angelaufene nächste Stufe der Digitalisierung sei das sogenannte Internet der Dinge. Jedes Objekt sei neben seiner direkten Funktion auch Teil eines Netzwerks, das unentwegt Daten sammelt und verarbeitet. Diese Informationen über das Nutzungsverhalten dienten dazu, ständig neue Funktionen zu entwickeln, die direkt auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnitten sind. Ziel sei es einen stetigen Zuwachs an Lebensqualität zu erreichen oder diesen zumindest glaubhaft zu vermitteln. Produkte ohne solche dynamischen Funktionen werden am Markt auf absehbare Zeit keine Chance mehr haben, prognostizierte Henseler. Und das gelte auch für Unternehmen, die entweder nur Daten und Dienstleistungen oder physische Produkte anböten – beide Bereiche würden untrennbar miteinander vernetzt.
Für das Handwerk könnte dies recht unmittelbare Bedeutung  beim Wettstreit um die zukünftigen qualifizierten Mitarbeiter haben. Denn, so mahnte der Professor, die klugen jungen Köpfe fühlten sich von Berufsfeldern angezogen, in denen das moderne Denken bereits gelebt wird.

Die Rekrutierung von Nachwuchskräften ist schon jetzt ein Schwerpunktthema der Kreishandwerkerschaft. Von den Initiativen auf diesem Gebiet berichteten auf der vorab tagenden KHS-Vollversammlung der stellvertretende Geschäftsführer Olaf Fackler und Ausbildungsbotschafter Helmut Schröer, früherer Trierer Oberbürgermeister. An prominenter Stelle stehe dabei die Kooperation mit Schulen in Landkreis und Stadt.  Insbesondere das Format von Workshops habe sich bewährt: Ein Handwerksbetrieb stellt sich in einer 45-minütigen Einheit direkt in der Klasse vor und lädt zum Werkeln an mitgebrachten Stücken ein. „So sehen alle Beteiligten gleich, wer Spaß an dem Beruf haben könnte und eine gewisse Eignung mitbringt“, erläuterte Schröer. Auch die mittlerweile verpflichtend an den Schulen veranstalteten Studien- und Praxistage zur Berufswahl böten fürs Handwerk gute Chancen zur Präsentation. Verstärkt wolle man dabei künftig auch die Gymnasien in den Blick nehmen. Dabei sei man jedoch zwingend auf die Mitwirkung der Handwerksbetriebe angewiesen.


Die Kreishandwerkerschaft blickt aber auch auf das, was bereits in der Vergangenheit geleistet wurde. So wurden Christoph Kronewirth, Helmut Gosert, Jörg Baumann und Wolfgang Scholtes als Anerkennung für ihr jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement mit der Goldenen Ehrennadel ausgezeichnet. Bärbel Schädlich und Gerd Benzmüller gratulierten den Vier und überreichten Anstecknadel nebst Urkunde.